Die vergessene Kurve

Ich stehe in der U-Bahnstation des Hauptbahnhofs und warte auf die U1. Vor mir, an der Wand über den Gleisen, befindet sich ein riesiger Bildschirm, von dem abwechselnd Nachrichtenmeldungen, Werbung und Hintergrundsartikel in mein Bewusstsein tröpfeln. Plötzlich bin ich hellwach. Brandaktuell erscheint eine Statistik über die Anzahl der in den letzten Wochen am Coronavirus Erkrankten. Eine gezackte Linie, die sich auf und ab verlaufend wie ein permanent ansteigender Bergrücken nach oben bewegt, zeigt ihre Zahl. An der Zunahme und der immer weiter um sich greifenden Ausbreitung dieser Krankheit kann es keinen Zweifel geben.

Interessant aber ist die zweite Linie, die diese Statistik zeigt und angibt. Sie verläuft nahezu parallel, einige Zentimeter unterhalb der oberen ersten und spiegelt die Zahl der wieder geheilten Kranken. Und diese Zahl ist ebenfalls enorm hoch und keinesfalls zu vernachlässigen. Zwischen beiden Linien liegt also der obere Bereich derer, die aktuell mit dieser Krankheit kämpfen, oder an ihren Wirkungen gestorben sind. Aber es gibt auch den großen Bereich der wieder Geheilten. Und der ist deutlich größer als der obere. Diese Kurve hebt den lähmenden Schleier vom Bewusstsein, macht wach und bereit mit der Realität vernünftig handelnd umzugehen.

Gerade in Zeiten, in denen Panik, grassierende Massenhysterie und gebannt lähmende Düsternis Menschen zu irrationalen Einkaufsaktionen treiben, leer gekaufte Einkaufsregale in Supermärkten Krisenstimmungen und -rituale verbreiten, ist diese Information und Erinnerung enorm wichtig: die große Zahl der Geheilten. Sie erdet, lässt uns in der gegebenen Wirklichkeit auf dem Boden ankommen und gibt, ohne den Ernst der Situation zu verwischen, Hoffnung. Eine Hoffnung, die wach und sehend sein und leben lässt. Und vor allem: Nachdenken zulässt.

Für mich war der Blick auf den Bildschirm und diese statistischen Kurven ein echter Wachmacher. Einer, der einem Atem und plötzlich auch ein lichtes Aufblicken schenkt.
Darum schaue ich auch über die Grenzen dieser besonderen Situation hinaus auf mein Leben, das ich, zumindest in Gedanken, auch in solchen Kurvenzeichnungen betrachte. Da gibt es diese hohen Katastrophenlinien, Pegelstände meiner Schicksalsfluten, wenn Krankheiten, Unfälle, Todesfälle, destruktive Konflikte, verbaute Wege, entgangene Chancen und Möglichkeiten sich aufreihen.

Diese Katastrophenlinien können in bestimmten Zeiten und Phasen zu dunklen Gebirgsketten werden. Doch wie oft übersehe ich auch, beherrscht von dieser Wucht und Masse, die andere, fast schon vergessene Kurve. Sie ist nicht so dominant und schillernd, hat aber auch eine nicht zu vernachlässigende Kraft. Auf dieser Kurve befinden sich lauter Punkte, die ich so benennen könnte: das habe ich getragen, ertragen, ausgehalten, überlebt. Davon bin ich genesen. Das habe ich überwunden. Daran habe ich gelernt. Diese Liebe und Freude durfte ich finden. An diesem Punkt bin ich gewachsen und stärker geworden. Das macht mir mittlerweile nicht mehr so viel aus. Und davon ließ ich mir nicht meine Geduld und Hoffnung rauben.

Beginne ich so nachzudenken, merke ich auch, wie sich diese Linie noch um ein gutes Stück verlängern ließe. Wichtig ist: sie ist da. Diese oft vergessene Kurve. Zwar überlagert und dominiert von den schwarzen Paukenschlägen, aber doch als starker Klang, der auf diese Paukenschläge antworten kann mit einer Melodie des Lebens.
In einem unserer Gesangbuchlieder heißt es: "Wäre mein Gott nicht gewesen, hätte mich sein Angesicht nicht geleitet, wär ich nicht aus so mancher Angst genesen." (EG 325,7 Text: Paul Gerhardt 1653)

Ich wünsche uns allen, dass wir diese vergessene Kurve Gottes in unseren Lebenslinien nicht übersehen, sondern an und mit ihr wachsen und genesen!

Ihr Pfr. Klaus Pfaller