Gib Frieden, Herr, gib Frieden!

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Bildrechte: Klaus Pfaller

Er ist immer noch im Gange. Der Krieg in der Ukraine. Immer noch gibt es Tote, Vertriebene, Zerstörung, Gewalt und Brutalität. Und wenn wir genauer hinsehen, nicht nur in der Ukraine, sondern auch auf den anderen Kriegs- und Konfliktschauplätzen dieser Welt.

Wer in die Geschichte schaut wird traurig und verzweifelt. Der blutige Faden der Machtspiele und Kriege ist nie abgerissen. Ständig gab und gibt es die Liebhaber von Gewalt und Krieg und ihr Wille ist es, der die in Völker, Nationen und Interessensgruppen zerteilten Menschen in den Tod stürzt. Leo Tolstoi, ich wage ihn zu zitieren, schrieb über die Motivationshintergründe einmal: "Es ist furchtbar es auszusprechen, aber es gab und gibt nie ein gewaltsames Vorgehen eines Volkes gegen ein anderes, das nicht im Namen des Patriotismus ausgeführt wurde." Denn der Patriotismus will letztlich nie Gleichheit und Einvernehmen, sondern Vorherrschaft über andere Nationen, was auch deren Vernichtung, Unterwerfung und Einverleibung einschließt. Darum bilanzierte Tolstoi in seinem Essay "Patriotismus und Christentum" 1894: "Patriotismus ist der Verzicht auf Menschenwürde, Vernunft, Gewissen und die sklavische Unterwerfung unter die Mächtigen."

Wie so oft steht das Christentum mit seinem Gegenentwurf einer Menschheitsfamilie, in der alle als Kinder Got-tes geeint sind und in aller Unterschiedlichkeit einen verbindenden Faden und Namen haben, im Abseits. Dieses Christentum wird auch dadurch verletzt, dass es für partikulare Rollen und nationalistische Standpunkte bis hin zur Motivationshilfe für Soldaten missbraucht wird.

Dabei ist an sich jeder Gottesdienst, genau betrachtet, ein Friedensgebet. Dafür stehen allein schon das "Gloria" und "Glorialied". "Ehre sei Gott in der Höhe" entfaltet sich dieser Wechselgesang, und setzt sich fort "und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen." Der Begriff „Ehre“ ist die heilige Kuh der Nationalisten. Das galt nicht nur im Nationalsozialismus. Für die Ehre des Vaterlandes wurde und wird schwülstig getönt, gesungen und formuliert. Aber schlimmer als dieser Kitsch ist, dass dafür alle Vernichtungen Menschenopfer in Kauf genommen und gerechtfertigt werden. Wenn im Gottesdienst ein Mensch Gott die Ehre gibt, sprechender gesagt, Gott respektiert, nimmt er sich zurück. Er weiß in dieser Zurücknahme, dass er nur Mensch ist, der leben soll und darf, und dass ihm nichts und niemand die Anmaßung und das

Recht gibt nationalistisches Monster zu sein, eine Götter-karikatur, die anderen dieses Lebensrecht abspricht.
In dieser Zurücknahme fällt der Gott gezeigte Respekt sofort auf die Erde und praktischen Lebensverhältnisse zurück. Verbläst sich nicht, wie Feuerbach es kritisierte, in einem unendlichen Nichts. Dieser Respekt schafft hier auf Erden, inmitten aller Zeiten, Raum. Lebensraum und die Freiheit des Lebens-Dürfens: "und auf Erden Fried, den Menschen ein Wohlgefallen." Dahin führt der Res-pekt, den wir Gott zeigen und ausdrücken. Zum Frieden und Wohlgefühl auf Erden. Hier. Jetzt. Bei uns und allen!

Nehmen wir jetzt noch ein klassisches Glorialied dazu, das dieses Gloria musikalisch entfaltet, wird das Frie-densgebet noch deutlicher: "Allein Gott in der Höh sei Ehr und Dank für seine Gnade..." Wenn der Mensch Gott Gott sein lässt, und sich nicht verhebt und Gott spielt, entsteht eine gesunde Identität, die das Leben als Gnade begreift, es wertschätzt und Liebe genießt. "Ein Wohlgefalln Gott an uns hat; nun ist groß Fried ohn Unterlass..." Auch 1525, als diese Zeilen entstanden, war die Welt nicht ohne Spannungen und Krieg. Aber so möge es sein und so wird es sein, wenn Gottes Reich in unsere Wirklichkeit einbricht. Das ist die Botschaft. Darum ist das Glorialied ein permanentes Friedensgebet.

Unser Gesangbuch bietet in seiner Vielfalt aber auch gedankliche und geistliche Fortführungen an. Gerade in Zeiten des Krieges in Europa und anderswo. Darum singen wir im Moment in den meisten Gottesdiensten:

"Gib Frieden, Herr, gib Frieden, die Welt nimmt schlim-men Lauf. Recht wird durch Macht entschieden, wer lügt, liegt obenauf. Das Unrecht geht im Schwange, wer stark ist, der gewinnt. Wir rufen: Herr, wie lange? Hilf uns, die friedlos sind. ... Gib Frieden, Herr, gib Frieden: Denn trotzig und verzagt hat sich das Herz geschieden von dem, was Liebe sagt! Gib Mut zum Händereichen, zur Rede, die nicht lügt, und mach aus uns ein Zeichen dafür, dass Friede siegt." (Jürgen Henkys EG 430,1 und 4).

Nein, "... groß Fried ohn Unterlass..." ist im Moment gewiss nicht, auch wenn es so sein möge! Aber dass die Kinder dieser Welt, die Kinder Gottes, nicht vom schlimmen Lauf vernichtet werden, dafür beten und hoffen wir aus vollem Herzen. Möge uns das Friedensgebet von Gloria und Glorialied dabei ein hilfreicher Wanderstock sein. Schalom!

Ihr Pfr. Klaus Pfaller