Wort zur Ferienzeit August 2020

Wilder Kaiser
Bildrechte: Klaus Pfaller

"What a wonderful world"

Es stimmt und ich stimme aus vollem Herzen zu: Die Welt ist wunderbar. Vielleicht nicht immer und überall, aber doch in der Summe und Tendenz. Sehr früh hat der Mensch begonnen sich diese Welt und ihre Güter, ausgestattet mit dem religiösen Grundauftrag "Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan..." (Gen 1,28), anzueignen und zu nutzen, nur muss er seit geraumer Zeit auch das anhaftende Hinweisschild zur Kenntnis nehmen: "Solange Vorrat reicht!" Die kapitalistische Wirtschaftweise hat dafür gesorgt, dass Ungleichheit bei der Verteilung der Güter ein Strukturprinzip ist, weshalb nur ein kleiner Prozentsatz von Gewinn und Reichtum profitierte. Und wenn manche politischen und wirtschaftlichen Akteure erst heute ihre Zugriffsmöglichkeiten entdecken und entfalten wollen, stehen sie vor Zerstörungen und Leere und müssen lernen: "Bereits vergriffen!"

Dazu hat auch der erst im 19. Jahrhundert entstandene Tourismus seinen erklecklichen Teil beigetragen, vor allem seit er im fortgeschrittenen 20. Jahrhundert zum expandierenden kapitalistischen Wirtschaftszweig und Massenphänomen geworden ist. Solange einige Globetrotter "Wohlauf in Gottes schöne Welt..." sangen und mit abenteuerlichen Lichtbildervorträgen zurückkehrten, konnte der nächste Schnee- oder Sandsturm ihre Spuren verwischen. Mit hunderten von Kilometern verbauter Strandlandschaften mit allen ökologischen Folgen ist das nicht mehr möglich. Und wer ein so genanntes "Skidorf" bzw. "Alpenresort" zufällig nach dem Saisonende durchwandert hat, weiß, wie Trostlosigkeit und Öde durch Hotelanlagen im Jodelstil, Zufahrtsrampen, Parkflächen, Liftanlagen und Speicherseen für Schneekanonen aussehen.

Dass nicht nur Natur, sondern auch Kultur durch Massentourismus leidet und zugrunde gehen kann, zeigen die Orte und Städte, die durch ihre Auszeichnung als "Weltkulturerbe" regelrecht ein Fadenkreuz zum Abschuss erhalten haben. Spätestens dann, wenn Kreuzfahrtschiffe ihre Reisenden Venedig übergeben, Amsterdam im touristischen Dauerlärm versinkt und die Tempelanlage Angkor Wat in Kambodscha überrannt wird, zeigt sich, dass eine Infrastruktur mit trinkenden, essenden, Müll verursachenden und austretenden Menschen völlig überlastet sein kann, von unmittelbaren Abnutzungsschäden ganz zu schweigen. Das begehrte Sehenswerte wird durch die ungebremste Sehgier nachhaltig zerstört.

Die Corona-Zeit schenkte mit ihren Reisebeschränkungen Natur und Kultur eine kurze Erholungspause. Da und dort konnte sich regenerieren, was ansonsten unter die Füße und Räder kam. Auch die Atemluft verbesserte sich vielerorts erheblich. Wurde daraus etwas gelernt? Hat eine Nachdenkpause etwas im Blick auf die Gestaltung der Zukunft verändert?

Das scheint im Moment nicht der Fall zu sein. Viele wollen das im Ausnahmezustand Entgangene nachholen und den leeren Becher des Erlebnisdurstes in möglich gedrängter Zeit wieder füllen. Das bedeutet Enge und unkontrollierbare Berührungen, die die Infektionszahlen wieder zum Anschwellen bringen.

Die Tourismusbranche möchte die ausgefallenen Geschäfte kompensieren, bemerkt aber auch das Selbstzerstörerische ihrer Verlaufsform. In Tourismusländern, die umfangreiche Einrichtungen ausschließlich für diese Industrie hochgestampft haben, brechen mit den fehlenden Einnahmen auch die Existenzen vieler Lohnabhängiger zusammen. Die schon sprichwörtliche asphaltierte Straße führt eben nur bis zur Hotelanlage und zum Aussichtspunkt, aber nicht weiter zur Schule der dort lebenden Menschen und zeigt damit die Einbahnstraße bzw. Sackgasse der Entwicklung auf.

Das früher gebräuchliche Reiseideal vom Kennen lernen von Land und Leuten, begleitet von einem Bildungsanspruch, wurde längst vom Konsum  und Verbrauch von Land und Leuten, Natur und Mensch abgelöst. Die künstlich um des Geschäfts willen hochgezogene Glitzerwelt des Tourismus ist eine Scheinwelt, die sich der zahlungskräftige Kunde leistet, um aus dem beschränkten und manchmal schwer erträglichen Alltagsleben wenigstens kurzfristig in eine Ausnahmesituation und Traumwelt auszusteigen. Darum haben auch Menschen mit Behinderung, Erkrankungen, Armut und sozialen Übelgerüchen in solchen "Destinationen" nichts verloren. Sie stören die Traumblase.

Was uns helfen könnte die Reiselust in gute und kontrollierbare Bahnen zu bekommen wäre ein Urlaub vom Traum statt Traumurlaub. Der gut gestaltete Alltag mit erträglichen bis wohltuenden Bedingungen würde mich von dem Zwang befreien, meine ganze Heilszeit in der kurzen Zeit des Urlaubs finden und süchtig konsumieren zu müssen. Und wenn ich dann reisen kann und darf, was zweifellos wunderbar ist, kann ich Natur, Menschen und Welt besuchen, ohne sie als ausbeutbare Objekte zu missbrauchen.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Urlaub!

Ihr

Pfr. Klaus Pfaller