Wort zur Woche 24.07.2020

Als hätte er uns für unser Heute und die "Coronazeit" 2020 einen wichtigen Rat zu geben, schrieb Dietrich Bonhoeffer 1938:

"Wir müssen bereit werden, uns von Gott unterbrechen zu lassen. Gott wird unsere Wege und Pläne immer wieder, ja täglich durchkreuzen."

Wer war dieser Dietrich Bonhoeffer? Am 9. April 1945 wurde er im KZ Flossenbürg in der Oberpfalz ermordet. Darum wird heuer auch sein 75. Todestag besonders bedacht. Bonhoeffer wurde gerade einmal 39 Jahre alt. Auf keinen Fall wollte das nationalsozialistische Regime seine Feinde und Gegner das eigene Ende überleben lassen. Vor dem eigenen Fall sollten unbedingt alle fallen und an allen Rache genommen werden, die zuvor als Widerständler auf das Ende des nationalsozialistischen Deutschland hingearbeitet hatten. Bonhoeffer gehörte zum Kreis der "Verschwörer" des 20. Juli 1944 und damit war auch sein Schicksal besiegelt.

Dietrich Bonhoeffer war Theologe und Pfarrer. Von Anfang an ein Kritiker und Gegner des Faschismus. Seine Kritik war theologisch und biblisch wohl begründet, aber sein Wille und Wunsch, dass diese Kritik Haltung der ganzen Kirche sein und sich an nichts als dem Evangelium ausrichten sollte, ging leider nicht in Erfüllung. Er leitete die illegalen Predigerseminare der "Bekennenden Kirche", die sich der Gleichschaltung aller Institutionen zu entziehen suchte. Früh protestierte er gegen Rassismus und Diskriminierung und bezog in der "Judenfrage" eindeutig Position: "Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen." Dieser Satz ist mündlich von ihm überliefert.

Die Möglichkeit durch eine Professur in New York dem Krieg und der Vernichtung zu entkommen, ließ er nach kurzer Zeit verstreichen und kehrte nach Deutschland zurück. Als alle wehrfähigen Männer zum Kriegsdienst herangezogen wurden, kommt er zur "Abwehr", einer Abteilung des Geheimdienstes. Dort schließt er sich dem militärischen Widerstandskreis um Admiral Wilhelm Canaris an, dem auch sein Schwager Hans von Dohnanyi angehört. Im April 1943 wird er von der Gestapo verhaftet und zunächst in Berlin-Tegel inhaftiert. In dieser und der nachfolgenden Zeit schreibt er Briefe, Gedichte, geistliche Worte und Betrachtungen, die später unter dem Titel "Widerstand und Ergebung" veröffentlicht werden. Darunter so bekannte Stücke wie "Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr. ... Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag."

Nur das Hören auf Gott und sein Wort, das die Bibel erschließt, lässt uns frei werden für den menschlichen Weg, den Gott in Jesus Christus vorlebt und von uns will. "In der Beschränkung auf das Pflichtgemäße aber kommt es niemals zu dem Wagnis der auf eigenste Verantwortung hin geschehenden Tat, die allein das Böse im Zentrum zu treffen und zu überwinden vermag. Der Mann der Pflicht wird schließlich auch noch dem Teufel gegenüber seine Pflicht erfüllen müssen." (aus: Widerstand und Ergebung - Wer hält stand?)

Dietrich Bonhoeffer hat es gewagt! Sein Leben schreibt die Geschichte von Verweigerung, Glauben und der Übernahme von Verantwortung. Das Erinnern und Erbe des Pazifisten Bonhoeffer durchlief die üblichen Wellen des politischen Nachkriegsdeutschlands. Ganz klar: denn die Anerkennung seiner Persönlichkeit und seines Wegs ist gleichzeitig die Kritik an dem Mitmachen, dem Bonhoeffer sich sehr ganzheitlich verweigert hatte. Und das wollte man, besonders in der Adenauer Ära, natürlich unter den Teppich kehren. Die mangelhafte Entnazifizierung der Evangelischen Kirche Deutschlands ist auch heute noch ein hochaktuelles und zu wenig bearbeitetes Thema!

Dietrich Bonhoeffer ist nach wie vor ein wichtiger "Seelsorger", gerade weil er so tiefgehend aus Krisen, Gefahren, Widersprüchen und gleichzeitiger Geborgenheit im Glauben heraus agierte und schrieb. Darum treffen seine Worte auch heute ins Herz. Und sie begründen und inspirieren den Widerspruch gegen Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus, den wir dringend und ausdauernd brauchen.

Klaus Pfaller


"Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich o Gott!"

(Dietrich Bonhoeffer Wer bin ich?)