Wort zur Woche 25.6.2020

Friedhof Ost
Bildrechte: Klaus Pfaller

Die Statuen fallen II

Vor etwa einer Woche betraf es die Statuen von Edward Colston und Leopold II., doch es ging weiter. Das Fallen der Statuen. Rainer Maria Rilkes Wort wirkt prophetisch weiter wie eine ganz aktuelle Zeitansage. "Diese Statue/Hand da fällt. Und sieh dir andre an: es ist in allen."

Mittlerweile wurden in Washington die Statue des Konföderierten-Generals Albert Pike vom Sockel geholt, beschmiert und angezündet. Zudem gab es den Versuch, in unmittelbarer Nähe des "Weißen Hauses" ein Abbild des früheren Präsidenten Andrew Jackson zu zerstören. "Killer", also Mörder, wurde bereits auf den Sockel gesprüht. Andrew Jackson regierte von 1929-1837. Er war Sklavenhalter und für die "Umsiedelung von Ureinwohnern" zugunsten weißer Siedler bekannt. Nach ihm ist auch die Stadt Jacksonville in Florida benannt.

Präsident Trump äußerte sich nicht, wie in den entsprechenden Vergleichsfällen, zu den hoch kochenden und Wut entfachenden Themen Sklaverei, Landraub, Kolonialismus und Rassismus, sondern empörte sich über die Demonstranten. "Das sind schlechte Menschen. Sie lieben unser Land nicht." So wird er zitiert. Er möchte, dass alle, die jetzt die herrliche Geschichte der USA auf diese Weise besudeln, einer harten Strafe zugeführt werden. Die soll bis zu 10 Jahren Gefängnis reichen.

Weit entfernt ist das Thema der kolonialistischen Sklavenhalter auch hierzulande nicht. Kultig geschmückte Lastwagen werden gerne mit der Südstaatenflagge, also den Insignien eines grausamen Sklavenhaltersystems, präsentiert.  Diese finden sich auch auf den Kutten und Westen diverser Motorradbanden und Rockergruppen. Auf diese ignorante Weise soll das starke Individuum, der unabhängige Rebell zur Schau gestellt werden. In Wirklichkeit wird aber Gewalt glorifiziert und die Unkenntnis der Geschichte dümmlich zum Standard erhoben.

Doch gerade das Lernen aus der Geschichte sollte unser Ziel sein. Darum ist es auch nicht mit dem Fallen der Statuen und Denkmäler getan. Man sollte wissen, wer Edward Colston, Leopold II., Wilhelm II., Lothar von Trotha... waren und für was sie verantwortlich sind. "An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen." (Mt 7,16)

Und sie hätten ihre Mordtaten, Folterungen, Unterdrückungsaktionen und Sadismen nicht vollbringen können ohne ihre Mitmacher. Gehorsame Soldaten, verdienende Geschäftsleute, blinde Ideologen, fanatische Untertanen und Nationalisten. An den verklärenden Bildern haben viele mit ihren Pinseln mitgemalt und schließlich die Denkmalserhebung herbeigeführt. Aus dieser Erkenntnis heraus bekämen dann endlich einmal die Opfer der Helden einen Namen und ein Gesicht. Interesse für ihr Schicksal würde sensibilisieren, warnen und Perspektiven verschieben.

Somit wäre auf den leeren Sockeln viel Raum und Platz für Erinnerung und Neubesinnung. Eine neue Betrachtung und Bewertung von Geschichte, die Erinnerungen ins Licht des Bewusstseins holt, dummes Nach- und Mitsprechen überwindet und Gewaltverherrlichung aufzeigt, hätte dort einen wirklich beachtlichen künstlerischen und kreativen Freiraum.

Eine Ermutigung das zu tun liefert auch Paulus im Römerbrief: "Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene." (Römer 12,2) Gerade dieses Prüfen kann jedem einzelnen Menschen helfen weiter zu kommen. Mehr zu sehen und zu wissen. Bewusster, wacher und kritischer zu leben. Denn Denkmäler werden besonders durch Denkweisen errichtet. Und damit beginnt ihr Abbau schon im eigenen Kopf!

Klaus Pfaller

Barmherziger Gott,
du hast uns gesagt und gezeigt,
was gut ist.
Dafür danken wir dir.
Öffne unsere Herzen und Sinne
für deinen Geist.
Lass uns aufrecht und klar denken.
Nähre unseren Hunger nach Erkenntnis.
Lass uns den Gewaltigen widersprechen
und setze unsere Füße auf den Weg
des Friedens. Amen!

Klaus Pfaller