Corona-Virus in Tansania

Zusammenfassung für den Partnerschaftstag von Michael Binder.
Stand 18.07.20

Quelle: unter anderem Tansania-Informationen von Mission EineWelt

Überleitung

„Gehet hin in alle Welt“, dieser Auftrag verbindet uns mit allen Ländern und Kulturen. Und das ist gut. Gerade in einer Welt, die immer mehr ineinander verflochten ist, braucht es auch eine weltweite christliche Gemeinschaft.
Gemeinschaft bedeutet auch Anteilnahme. Wir bleiben nicht gleichgültig, wenn wir von den vielen Corona-Toten in Indien, USA oder Brasilien hören.

Einleitung

Heute am Njombetag steht bei uns Tansania im Mittelpunkt.

Hier gibt es eine gute Nachricht: Uns erreichen von unseren Partnern keine alarmierenden Nachrichten über viele Betroffene oder gar Tode in ihrer Region. Aber trotzdem ist der Alltag ist von Veränderungen aufgrund der Coronakrise geprägt.

Maßnahmen in Tansania

Tansania war sehr schnell: Aus den Erfahrungen in Europa hat Tansania gelernt und vor dem Ausbruch der ersten Fälle bereits Maßnahmen ergriffen. Diese wurden Schritt für Schritt erweitert:

  • Die Menschen halten Abstand. Das übliche Händeschütteln bei der Begrüßung entfällt.
  • In Bussen dürfen die Menschen nicht mehr so dicht gedrängt stehen. Jeder braucht einen Sitzplatz.
  • Hygiene ist das all gegenwärtige Gebot. Vor und nach dem Betreten von Einkaufsläden und Behörden wäscht man sich mit Seife die Hände. Dazu sind überall vor den Eingängen Wasser und Seife bereit gestellt.
  • In den Städten gilt Maskenpflicht.
  • Große Veranstaltungen (und auch Hochzeiten) entfallen. Schulen und Unis wurden geschlossen.

Eine weitere, aus Sicht der Tansanier ganz wichtige Maßnahme ist das Gebet. Der Präsident hat öffentlich zum Gebet aufgerufen. Damit hat er viel Zustimmung in der ganzen Bevölkerung gefunden. Denn auf Gott vertrauen und ihn um Hilfe zu bitten, ist in Tansania tief verwurzelt. „Darum soll jeder Fromme in der Not zu dir beten“, steht schon in den Psalmen.

Allerdings kam es in Tansania nicht zu einem Lock down. Die Läden und Betriebe wurden nicht geschlossen (wohl aber Bars u.a.).
Präsident Magufuli betont, ein Lock down sei insbesondere für Dar es Salam angesichts der wirtschaftlichen Folgen indiskutabel.
Er rief die Bürger dazu auf, hart zu arbeiten. Die Regierung werde sie dabei unterstützen und trotz der Epidemie keine Ausgangssperre verhängen. Auch eine Schließung des Hafens von Dar es Salam sei wegen der Folgen für die Nachbarländer, die von diesem Hafen abhingen, unverantwortlich.
Parlamentspräsident Ndugai unterstützte anlässlich der Haushaltsdebatte die Corona-Linie des Präsidenten. Tansania könne keine Ausgangssperre wie europäische Länder verhängen: „Damit bringen wir unsere Leute um. Viele leben nur von Tag zu Tag.“ Tansania müsse Methoden anwenden, die zur Situation des Landes und der Menschen passen.

Wir dürfen nicht vergessen, dass es in Tansania kein Kurzarbeitergeld wie bei uns und auch keine Sozialhilfe gibt. Zudem haben die wenigsten Menschen Ersparnisse. Was man am Tag verdient, braucht man am Abend zum Essen. Ein Lock down hätte also möglicherweise eine noch viel größere Katastrophe ausgelöst.

Auch Gottesdienste wurden nicht eingeschränkt. Dazu haben der Glaube und die Kirche in Tansania eine viel zu große Bedeutung. Allerdings haben etliche Gemeinden für mehr Abstand gesorgt und die Sitzplätze reduziert. Dafür gibt es dann zusätzliche Gottesdienste.

Die Bevölkerung wird rundum gut informiert. Täglich fahren Lautsprecher¬wagen durch Wohngebiete und spielen Ansagen sowie neuerlich entstandene Lieder zur Vorsorge gegen Ansteckungen ab. Entsprechende Aufnahmen werden auch laufend in allen Radiosendungen eingeblendet. Und es gibt ein neues Wort in Kisuaheli: “ku-koroneka” (mit dem Coronavirus angesteckt sein).

Betroffenheit

Zahlen, wie viele Menschen in Tansania von Corona betroffen sind, gibt es nicht. Seit Ende April wurde deren Veröffentlichung eingestellt. Das hat gute Gründe:

  • Tansania hat nur sehr begrenzt die Möglichkeit zu Tests. Die sind ja nicht billig. Wenn aber nur wenig getestet wird, dann ist die Dunkelziffer groß und die Zahl der positiv getesteten Fälle hat keine Aussagekraft.
  • Außerdem: Es bedarf guter Informationen, die Zahlen richtig zu interpretieren. Das haben wir selbst erlebt, als immer wieder andere Kenngrößen kamen: Verdopplungszeit, R-Wert, Zahl der Infizierten insgesamt, Zahl der Neuansteckungen pro 100.000 Einwohner, …
  • Selbst die bestehenden Testmöglichkeiten lieferten ungenaue Ergebnisse. So sei laut Präsident Probematerial von Feldfrüchten an Labore geschickt und positiv getestet worden.
  • Zahlen können viel zur Verunsicherung in der Bevölkerung beitragen. Und wenn man dann wenig Maßnahmen ergreifen kann, ist der Schaden größer als der Nutzen.

Wie schon gesagt, wir hören wir aus unseren Partnergemeinden keine alarmierende Nachrichten über viele Corona-Kranke.

Vielleicht ist das Land tatsächlich weniger betroffen als viele andere Länder der Erde. Schließlich ist der größte Teil der Bevölkerung sehr jung. Und da gibt es bekanntlich kaum Kranke mit sichtbaren Symptomen.
Vielleicht liegt es auch daran, dass sich die Menschen viel draußen aufhalten und auch Büros meist gut durchlüftet sind.
Vielleicht werden viele Corona-Kranke selbst mit Symptomen auch nicht als solche erkannt. Ein Fieber wird schnell ohne ärztliche Beratung als Malaria diagnostiziert.
Und in einem Land, das mit Aids, Malaria und Tuberkulose zu kämpfen hat, ist Corona nur eine von mehreren schwerwiegenden Erkrankungen.

Gleichwohl gibt es aber auch in Tansania gravierende wirtschaftliche Auswirkungen: Für viele Menschen ist der mit Corona verbunden wirtschaftliche Einbruch eine Katastrophe. Dazu drei Beispiele:

  • Auch wenn der Anteil Tansanias am weltweiten Tourismus eher klein ist, für das Land selbst ist der Tourismus eine ganz wichtige Einnahmequelle. Und diese ist seit Monaten wegge¬brochen. All die Lodges in den Nationalparks stehen nun leer. Die Mitarbeiter und die vielen kleinen Händler ringsum, die alle von den Touristen leben, haben keine Einnahmen mehr.
  • Mittlerweile ist der Handel mit den Nachbarländern ein wichtiger Teil der tansanischen Wirtschaft geworden. Wegen Corona wurden jedoch die Grenzen zu den Nachbarländern geschlossen.
  • Auch die Berufstätigen in den Städten klagen sehr: Die Busse haben ihre Fahrpreise wegen Corona mehr als verdoppelt. Denn um Abstand zu wahren, dürfen die Leute nicht mehr so dicht gedrängt mit.
  • Außerdem: Seit Monaten gibt es keinen Schulunterricht. Welche Auswirkungen das auf die im Sommer anstehenden Abschlussprüfungen hat, ist noch völlig offen.
Kritik am Präsidenten

In der Bevölkerung werden das Handeln des Präsidenten und seine Führung mehrheitlich geschätzt. Gerade sein Aufruf zum Gebet hat den Nerv der Tansanier getroffen.
Doch manche seiner Äußerungen und seiner Handlungen, wie
- sein Verbot der Veröffentlichung von Zahlen,
aber ein paar wenige Tests würden auch nicht mehr Aussagekraft haben
- seine Wertschätzung für traditionelle Heilmittel auch bei Corona
aber das Land hat auch wenig Alternativen
- seine Betonung des Gebets   und
- seine Ablehnung von Ausgangsbeschränkungen
lassen Zweifel aufkommen.

Das fand viel internationale Kritik:
Die Süddeutsche Zeitung meinte, in einem internationalen Wettbewerb, welcher Regierungschef der größte Corona-Leugner sei, gäbe es einen engen Dreikampf zwischen Trump, Bolsonaro und Magufuli.
Auch afrikanische Journalisten stimmten überwiegend in die kritische Bewertung der tansanischen Coronapolitik ein (africareport: „Tanzania’s handling of pandemic raises eyebrows“, „COVID-19 is casting Magufuli in the worst light“).
Die partei-eigene Presse der CCM verbreitete wiederholt, der Kurs des Präsidenten finde international zunehmend Anerkennung und werde auch nachgeahmt, wie an den Lockerungen in der EU zu sehen sei.
Auch innerhalb Tansanias wird viel diskutiert. Wie in Deutschland ist diese Debatte ist stark polarisiert.

Vielleicht ist die Haltung des Präsidenten auch durch einen nötigen Optimismus geprägt, nachdem das Land nicht so viele Möglichkeiten zur Bekämpfung einer Pandemie hat.

Aktueller Stand

Noch scheint keine große Corona-Welle Tansania getroffen zu haben. Mitte Mai verkündete Präsident Magufuli, dass das Schlimmste vorbei sei. Schulen und Unis öffneten wieder am 1.6., auch die Bars dürfen wieder aufmachen. Die Hygienemaßnahmen aber werden fortgesetzt.

Aber bleiben wir im Gebet für das Land. Es ist nicht auszuschließen, dass die Corona-Welle jetzt erst z.B. von Südafrika aus kommen wird. Vielleicht bleibt das Land aber auch weitgehend verschont.